Die Bundeswehr will schneller werden. Und baut sich dafür immer wieder um.
Was verändert sich tatsächlich, wenn die Bundeswehr ihre Beschaffung wiederholt organisatorisch umbaut, um schneller zu werden?
Deutschland investiert so viel Geld in seine Streitkräfte wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich grundlegend verändert, die Bundeswehr soll wieder verteidigungsfähig werden und die Beschaffung von Material deutlich schneller erfolgen als in der Vergangenheit. Die öffentliche Diskussion folgt dabei meist einer einfachen Logik. Wenn die Truppe nicht rechtzeitig über das benötigte Material verfügt, muss die Beschaffung beschleunigt werden. Neue Gesetze, neue Verfahren und organisatorische Reformen erscheinen deshalb zunächst als naheliegende Antwort auf ein offensichtliches Problem.
Mit genau dieser Erwartung begannen wir unsere Recherche. Wir wollten verstehen, warum die Bundeswehr trotz erheblich gestiegener Haushaltsmittel noch immer Schwierigkeiten hat, Material schnell in die Truppe zu bringen. Die ersten Dokumente bestätigten zunächst genau dieses Bild. Das Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz soll Vergabeverfahren vereinfachen und Planungsprozesse verkürzen. Parallel kündigte das Verteidigungsministerium eine umfassende Reform des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr an. Ziel ist es, Entscheidungswege zu verkürzen, Projekte schneller umzusetzen und Innovationen früher in die Beschaffung einzubinden. Für sich genommen ergaben diese Maßnahmen ein stimmiges Bild. Die Organisation soll schneller werden, damit die Bundeswehr schneller ausgerüstet werden kann.
Je größer unser Aktenstapel wurde, desto häufiger entstand jedoch der Eindruck, dass wir nach der falschen Geschichte suchten. Auffällig war nicht, wie oft einzelne Waffensysteme erwähnt wurden. Auffällig war vielmehr, wie konsequent sich nahezu alle Dokumente mit der Organisation selbst beschäftigten. Zuständigkeiten sollten neu geordnet werden, Projektstrukturen verändert, Entscheidungswege verkürzt, Kooperationen mit der Industrie intensiviert und Innovationsprozesse beschleunigt werden. Selbst dort, wo über neue Beschaffungsmöglichkeiten gesprochen wurde, standen organisatorische Veränderungen im Mittelpunkt.
Mit dieser Beobachtung begannen wir, die Unterlagen noch einmal von vorne zu lesen. Diesmal interessierte uns nicht mehr, welche Maßnahmen angekündigt wurden. Wir wollten verstehen, wie das Problem überhaupt beschrieben wird. Der Bundesrechnungshof fordert tiefgreifende organisatorische Veränderungen und weist darauf hin, dass zusätzliche Haushaltsmittel allein die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr nicht erhöhen werden, wenn die zugrunde liegenden Strukturen unverändert bleiben. Das Verteidigungsministerium beschreibt seine Reformagenda ebenfalls fast ausschließlich als organisatorische Aufgabe. Neue Projektorganisationen, stärkere Marktbeobachtung, schnellere Innovationsprozesse und engere Zusammenarbeit mit der Industrie sollen die Beschaffung leistungsfähiger machen. Das eigentliche Muster zeigte sich damit nicht in einzelnen Reformschritten, sondern in der Art, wie alle Beteiligten das Problem einordneten. Unabhängig davon, welche Lösung vorgeschlagen wurde, begann sie stets mit der Organisation.
Um diesen Eindruck zu überprüfen, gingen wir einige Jahre zurück. Die Forderung nach einer schnelleren Bundeswehrbeschaffung begleitet die politische Diskussion seit Langem. Ebenso lange finden sich Reformprogramme, Organisationsanpassungen und Ankündigungen, Verfahren zu vereinfachen. Die Begründungen verändern sich mit der Zeit. Mal stehen internationale Einsätze im Mittelpunkt, mal Digitalisierung, mal der russische Angriff auf die Ukraine. Was sich erstaunlich wenig verändert, ist die Art der Antwort. Immer wieder wird versucht, die Organisation so umzubauen, dass sie schneller auf neue Anforderungen reagieren kann. Genau an dieser Stelle entstand für uns die eigentliche Irritation. Wenn eine Organisation über viele Jahre hinweg immer wieder reformiert wird, stellt sich irgendwann zwangsläufig die Frage, ob die Reform selbst bereits zu einem dauerhaften Bestandteil der Organisation geworden ist.
Das allein beweist nicht, dass die früheren Reformen gescheitert sind. Die Gründe für den Umbau haben sich verändert, und eine Organisation kann mehrfach verändert werden, weil sich ihre Aufgabe mehrfach verändert hat. Gerade bei der Bundeswehr wäre es erstaunlich, wenn die neue Sicherheitslage keine organisatorischen Folgen hätte.
Aber damit verschiebt sich unsere ursprüngliche Frage. Wir wollten wissen, warum Ausrüstung so lange bis zur Truppe braucht. Gefunden haben wir eine Beschaffungsorganisation, die nicht nur schneller beschaffen soll. Sie soll gleichzeitig ihre eigenen Voraussetzungen dafür verändern.
Die angekündigte neue Organisationsstruktur des BAAINBw muss erst zeigen, ob sich Laufzeiten, Verantwortlichkeiten und Projektabschlüsse tatsächlich verändern. Genau diese Daten stehen noch aus.
Bis dahin können wir etwas Kleineres festhalten: Die Bundeswehr versucht nicht zum ersten Mal, ihre Beschaffung durch organisatorischen Umbau schneller zu machen. Ob dieser Umbau diesmal tatsächlich schneller macht, bleibt offen.
NOMOS · Diagnose
Permanente Reorganisation (Research Candidate)
Verändert sich der Auftrag einer Organisation schneller als ihre Strukturen, versucht sie den wachsenden Abstand durch wiederholte Reorganisation zu schließen. Neue Zuständigkeiten, Projektformen, Schnittstellen und Beschleunigungswege erhöhen zunächst die Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig binden sie jedoch Aufmerksamkeit und Ressourcen an den Umbau der Organisation. Dadurch kann ein Zustand entstehen, in dem die Organisation nicht mehr nur an ihrem Auftrag arbeitet, sondern dauerhaft an den Voraussetzungen, unter denen sie diesen Auftrag überhaupt erfüllen soll.
Ghost Log
Wir hatten die Akte eröffnet, weil wir wissen wollten, warum Ausrüstung so lange bis zur Truppe braucht. Gefunden haben wir vor allem Organigramme, Reformprogramme, neue Zuständigkeiten. Die Bundeswehr beschafft nicht nur Ausrüstung. Sie baut gleichzeitig die Organisation neu, die diese Ausrüstung beschaffen soll.
„Schwer zu sagen, ob die Organisation für den Auftrag umgebaut wird oder der Umbau inzwischen selbst zum Auftrag gehört.“

