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CASE FILE 008

Wer entscheidet, wann das Licht anbleibt?

Beginnt die eigentliche Steuerung der Energiewende bereits bei der Definition der Auswahlkriterien – lange bevor über konkrete Technologien entschieden wird?

QuelleReuters · Germany plans new gas-fired power plants to secure electricity supply Fallakte erstellt10.07.2026 Status○ IN BEOBACHTUNG

Die Bundesregierung möchte die Energieversorgung Deutschlands langfristig absichern. Geplant sind neue Ausschreibungen für steuerbare Kraftwerke, die immer dann einspringen sollen, wenn Wind- und Solarenergie nicht genügend Strom liefern. Nach dem Atomausstieg und dem geplanten Kohleausstieg erscheint dieser Schritt zunächst nachvollziehbar. Ein Stromsystem braucht Reserven. Als wir begonnen haben, uns mit diesem Fall zu beschäftigen, schien die Geschichte deshalb erstaunlich eindeutig. Es ging offenbar um die Frage, mit welchen Kraftwerken Deutschland künftig seine Versorgungssicherheit gewährleisten will.

Während der Recherche verschob sich unser Blick jedoch allmählich. Zunächst war es nur ein technisches Detail, über das wir immer wieder stolperten. In nahezu allen Unterlagen spielte plötzlich nicht mehr die Frage eine Rolle, welche Kraftwerke gebaut werden sollen, sondern welche Eigenschaften sie besitzen müssen. Je länger wir lasen, desto häufiger entstand derselbe Eindruck: Die eigentliche Entscheidung schien erstaunlich früh im Verfahren stattzufinden.

An diesem Punkt begannen wir, die Dokumente noch einmal von vorne zu lesen. Nicht mit der Frage, welche Technologie bevorzugt wird. Sondern mit einer anderen: Wo fällt in diesem Verfahren eigentlich die erste wirkliche Entscheidung?

Dabei fiel uns etwas Merkwürdiges auf. Nirgendwo fanden wir die Vorgabe, dass Deutschland neue Gaskraftwerke bauen müsse. Diese Entscheidung schien an keiner Stelle ausdrücklich getroffen worden zu sein. Stattdessen fanden wir seitenlange Beschreibungen darüber, welche Anforderungen zukünftige Kraftwerke erfüllen sollen. Sie müssen über längere Zeit zuverlässig Strom liefern. Sie müssen jederzeit verfügbar sein. Sie müssen bestimmte technische Kriterien erfüllen. Erst danach tauchen überhaupt konkrete Technologien auf.

Je länger wir uns mit diesem Ablauf beschäftigten, desto mehr stellte sich eine andere Frage. Was passiert eigentlich, wenn nicht zuerst zwischen verschiedenen Technologien entschieden wird, sondern zunächst festgelegt wird, welche Eigenschaften eine zukünftige Lösung besitzen muss? Verlagert sich die eigentliche Entscheidung dann möglicherweise an einen Ort, den die öffentliche Debatte kaum beachtet?

Genau an dieser Stelle veränderte sich der Fall. Öffentlich wird darüber diskutiert, ob Deutschland mehr Gaskraftwerke braucht oder stärker auf Speicher setzen sollte. In den Unterlagen schien diese Diskussion jedoch bereits einen Schritt weiter zu sein. Dort wurde zunächst beschrieben, wie Versorgungssicherheit künftig definiert werden soll. Erst anschließend ergibt sich, welche Technologien diese Definition überhaupt erfüllen können.

Wir hatten zunehmend den Eindruck, ständig einen Schritt hinter der eigentlichen Entscheidung zu diskutieren. Die öffentliche Debatte beschäftigt sich mit den Kraftwerken. Die Unterlagen beschäftigen sich mit den Kriterien. Vielleicht ist das Zufall. Vielleicht ist es technische Notwendigkeit. Auffällig ist jedoch, dass sich mit jeder zusätzlichen Anforderung auch der Kreis der möglichen Lösungen verändert. Nicht, weil einzelne Technologien ausgeschlossen werden. Sondern weil manche Anforderungen von einigen Technologien leichter erfüllt werden als von anderen.

An diesem Punkt wurde der Fall für uns interessant. Plötzlich ging es nicht mehr um Gaskraftwerke. Es ging um den Ort der Entscheidung. Vielleicht beginnt die eigentliche Steuerung komplexer Systeme gar nicht dort, wo zwischen verschiedenen Lösungen gewählt wird. Vielleicht beginnt sie deutlich früher – nämlich in dem Moment, in dem festgelegt wird, nach welchen Kriterien später überhaupt entschieden werden darf.

Diese Beobachtung reicht weit über die Energiepolitik hinaus. Organisationen verändern häufig nicht zuerst ihre Entscheidungen. Sie verändern die Regeln, nach denen Entscheidungen zustande kommen. Wer Förderbedingungen verändert, verändert Investitionen. Wer Ausschreibungskriterien verändert, verändert Märkte. Wer Zulassungsvoraussetzungen verändert, verändert den Kreis der möglichen Teilnehmer. Die sichtbare Entscheidung folgt häufig erst sehr viel später.

Vielleicht lautet die interessantere Frage deshalb gar nicht, ob Deutschland künftig mehr Gaskraftwerke baut. Vielleicht lautet sie, wann diese Entscheidung tatsächlich gefallen ist. Denn möglicherweise beginnt die Steuerung eines komplexen Systems nicht erst mit der Auswahl einer Lösung, sondern bereits mit der Definition der Eigenschaften, die eine Lösung überhaupt besitzen muss.

NOMOS-Diagnose · RC Kriterienvorentscheidung

Komplexe Systeme werden möglicherweise nicht in erster Linie durch die Auswahl einzelner Lösungen gesteuert, sondern bereits durch die Definition der Kriterien, nach denen diese Lösungen später bewertet werden. Die eigentliche organisatorische Entscheidung verlagert sich dadurch von der sichtbaren Auswahl auf die vorgelagerte Gestaltung des Entscheidungsraums.

Ghost Log

Akte 008 · IN BEOBACHTUNG · 10.07.2026
Wir dachten zunächst, wir würden einen Fall über Gaskraftwerke schreiben. Am Ende lag unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf den Kriterien. Manchmal beginnt die eigentliche Entscheidung deutlich früher, als sie öffentlich sichtbar wird.
„Wer die Kriterien schreibt, muss die Entscheidung später oft gar nicht mehr treffen.“
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