83 profitable Häuser, 33 auf dem Prüfstand
Was geschah zwischen dem operativ profitablen Geschäftsjahr 2024/25 und dem Insolvenzantrag im Oktober 2026?
83 Häuser
Im Januar 2025 sah die Akte zunächst ungewöhnlich ordentlich aus. Galeria hatte wenige Monate zuvor das dritte Insolvenzverfahren abgeschlossen. Neue Eigentümer hatten übernommen, neun der zuvor 92 Warenhäuser waren geschlossen worden, die Verwaltung war deutlich verkleinert und der Unternehmenssitz später nach Düsseldorf verlegt worden. Miteigentümer Bernd Beetz erklärte gegenüber dem Handelsblatt, alle verbliebenen 83 Filialen schrieben schwarze Zahlen. Seit Beginn des Geschäftsjahres im Oktober 2024 habe das Unternehmen in jedem Monat profitabel gearbeitet.
Zu diesem Zeitpunkt plante Beetz für das laufende Jahr einen Umsatz von 2,5 Milliarden Euro, rund 500 Millionen mehr als zuvor. Schon im April klang diese Erwartung anders. Galeria liege „ein wenig hinter unseren eigenen Erwartungen“, sagte Beetz nun. Das Umsatzziel von 2,5 Milliarden Euro bezeichnete er nicht mehr als Ziel für das laufende Jahr, sondern als mittelfristige Vision für die kommenden zwei bis drei Jahre. Als Gründe nannte er unter anderem die schwache Konsumstimmung und den Wettbewerb durch den Onlinehandel. Die schwarzen Zahlen verschwanden damit nicht aus der Akte, erzählten aber nicht die ganze Geschichte.
Das profitable Jahr
Nach Ende des Geschäftsjahres 2024/25 meldete Galeria erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder ein operativ profitables Geschäftsjahr. Die 83 Warenhäuser hatten zusammen mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz erzielt und arbeiteten nach Unternehmensangaben operativ profitabel. Geschäftsführer Christian Sailer erklärte Ende Oktober 2025, Galeria funktioniere wieder aus eigener Kraft. Weitere Filialschließungen seien nicht geplant.
Die Aprilmieten
Im April 2026 meldeten sich Vermieter. Mehrere berichteten, dass Mietzahlungen für den Monat nicht eingegangen seien; in einigen Fällen habe Galeria um Stundung gebeten. Für die Filiale am Berliner Alexanderplatz bestätigte der Vermieter öffentlich, dass die April-Miete ausgeblieben sei. Damit lag erstmals ein konkretes Liquiditätssignal neben dem wenige Monate zuvor gemeldeten operativen Gewinn.
Noch einmal Transformation
Am 25. Juni kündigte Galeria die nächste grundlegende Neuausrichtung an. Eine durch Warenbestände besicherte Kreditlinie von Gordon Brothers über bis zu 160 Millionen Euro sollte die Transformation bis Ende 2029 finanzieren und zugleich bestehende Drittfinanzierungen ablösen. Galeria wollte das Filialportfolio verändern, Sortimente stärker an lokalen Kunden ausrichten, Flächen neu zuschneiden und Kostenstrukturen weiter optimieren. Für das Geschäftsjahr 2026/27 wurden wieder operativ schwarze Zahlen als Ziel genannt.
Dieser Transformationsplan hatte eine Vorgeschichte. Im März 2023, während des zweiten Insolvenzverfahrens, hatte Galeria angekündigt, 77 Filialen fortzuführen. Die Sortimente sollten stärker auf lokale und regionale Bedürfnisse ausgerichtet werden, die Häuser mehr Eigenständigkeit erhalten und fünf Regionaleinheiten Filialen und Zentrale besser miteinander verbinden. Alle weiter betriebenen Häuser sollten innerhalb von drei Jahren umfassend modernisiert werden.
Drei Jahre später stehen erneut Filialnetz, Sortiment, Flächen und Organisation auf dem Arbeitszettel. Das allein belegt nicht, dass die Sanierung von 2023 gescheitert war. Zwischen beiden Plänen liegen eine weitere Insolvenz, ein Eigentümerwechsel, Filialschließungen, eine verkleinerte Verwaltung und ein operativ profitables Geschäftsjahr. Die Dokumente zeigen aber, dass mehrere Gegenstände der damaligen Sanierung 2026 erneut bearbeitet werden sollen.
33 von 83
Vier Wochen nach der Ankündigung der neuen Transformation nennt Galeria 33 Warenhäuser, deren Fortbestand geprüft werden soll. Die Auswahl ist nicht beliebig: Als Kriterien nennt das Unternehmen unter anderem Mietbelastung und Ertragskraft. Zunächst soll mit den jeweiligen Vermietern über Mietkonditionen und Flächenanpassungen verhandelt werden. Finden sich keine tragfähigen Lösungen, können Häuser geschlossen werden.
Damit stehen im Juli 2026 zwei dokumentierte Zustände nebeneinander. Für das abgeschlossene Geschäftsjahr 2024/25 hatte Galeria alle 83 Häuser als operativ profitabel bezeichnet. Weniger als ein Jahr später wird bei 33 dieser Häuser erneut geprüft, ob Ertragskraft, Mietbelastung und Fläche eine Fortführung erlauben.
Die Finanzierung vom Juni ist dabei ebenfalls weniger eindeutig, als die Summe von 160 Millionen Euro zunächst vermuten lässt. Gordon Brothers beschreibt die Kreditlinie als Unterstützung für Transformation und Neuausrichtung. Sie dient jedoch auch dazu, bestehende Drittfinanzierung zurückzuführen. Die nominelle Kredithöhe lässt sich deshalb nicht mit 160 Millionen Euro zusätzlichem Geld für Filialen und Sortiment gleichsetzen.
Vierte Insolvenz
Am 2. Oktober beantragt Galeria beim Amtsgericht Düsseldorf erneut Insolvenz. Es ist der vierte Antrag innerhalb von sechs Jahren. Die 83 Warenhäuser sollen zunächst geöffnet bleiben, rund 12.000 Beschäftigte sind betroffen. Gründe für den erneuten Antrag nennt das Unternehmen zunächst nicht.
Die Gegenprobe
Auch außerhalb Galerias ist die Lage zu diesem Zeitpunkt schwierig. Der deutsche Einzelhandel hatte bereits 2025 eine hohe Zahl von Insolvenzen verzeichnet; Allianz Trade zählte in den zwölf Monaten bis August 2025 insgesamt 2.490 Fälle und damit nur knapp weniger als beim Negativrekord neun Jahre zuvor. Schwache Konsumstimmung, Kostenbelastungen und der Wettbewerb mit dem Onlinehandel sind deshalb konkurrierende Erklärungen, die sich aus der Galeria-Akte nicht herausrechnen lassen.
Vorläufiges Verfahren
Am 5. Oktober ordnet das Amtsgericht Düsseldorf das vorläufige Insolvenzverfahren an und bestellt Frank Kebekus zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Damit endet die Rekonstruktion vorerst an derselben Stelle, an der die entscheidende Frage beginnt: Nicht ob Galeria zwischen 2024 und 2026 verändert wurde – dafür gibt es genügend Belege. Sondern was aus einem operativ profitablen Geschäftsjahr innerhalb weniger Monate eine Lage machte, in der Mietzahlungen ausblieben, ein Teil des Filialnetzes erneut geprüft wurde und schließlich wieder ein Insolvenzverfahren notwendig wurde. Diese Antwort liegt noch nicht in der Akte.
NOMOS · Diagnose
021 · Normalisierung
Ein wiederholt als Ausnahme behandeltes Verfahren wird zum wiederkehrenden Modus organisationaler Fortsetzung.
Ghost Log
JANUAR 2025 Alle 83 Filialen schreiben nach Aussage des Miteigentümers schwarze Zahlen. JULI 2026 33 dieser 83 Filialen werden auf Mietbelastung und Ertragskraft geprüft.
Profitabel ist offenbar kein Zustand.
Dokumente und Primärmaterial, auf die sich die Rekonstruktion stützt. Öffentliche Aktenstücke können direkt angesehen oder heruntergeladen werden.
GALERIA stellt mit neuer Filialstruktur Weichen für eine sichere Zukunft
GALERIA S.à r.l. & Co. KG
BEZUG · A01
Die Unternehmensmitteilung dokumentiert die angekündigte Sanierung von 2023: 77 fortgeführte Filialen, stärker lokal ausgerichtete Sortimente, mehr Eigenständigkeit der Häuser, fünf Regionaleinheiten und eine Modernisierung der verbleibenden Standorte innerhalb von drei Jahren.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
77 Filialen sollen fortgeführt werden. Sortimente sollen stärker an lokalen und regionalen Bedürfnissen ausgerichtet werden. Die Häuser sollen mehr Eigenständigkeit erhalten; fünf Regionaleinheiten sollen Filialen und Zentrale verbinden. Sämtliche fortgeführten Häuser sollen innerhalb von drei Jahren modernisiert werden.
Galeria: „Bei uns ist es ein Mantra, dass jedes Haus schwarze Zahlen schreibt“
Handelsblatt
BEZUG · A02
Bernd Beetz erklärt, alle 83 verbliebenen Filialen schrieben schwarze Zahlen. Die Aussage bildet den Ausgangspunkt der Untersuchung.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
Alle 83 Warenhäuser arbeiten nach Aussage von Bernd Beetz profitabel. Seit Beginn des Geschäftsjahres im Oktober 2024 habe Galeria in jedem Monat schwarze Zahlen geschrieben.
Eigentümer Beetz sieht Galeria hinter den Erwartungen zurück
dpa / DIE ZEIT
BEZUG · A03
Knapp drei Monate nach der Aussage über 83 profitable Häuser relativiert Beetz die wirtschaftliche Entwicklung. Galeria liege hinter den eigenen Erwartungen; das zuvor genannte Umsatzziel wird zur mittelfristigen Vision.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
Galeria liegt laut Beetz im April 2025 etwas hinter den eigenen Erwartungen. Ein Umsatz von 2,5 Milliarden Euro wird nun als Ziel für die kommenden zwei bis drei Jahre beschrieben.
Galeria erstmals seit über zehn Jahren operativ profitabel
dpa / DIE ZEIT
BEZUG · A04
Der Geschäftsabschluss bestätigt, dass der positive Befund vom Jahresanfang nicht vollständig verschwunden war. Galeria meldet erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder ein operativ profitables Geschäftsjahr.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
Die 83 Warenhäuser erzielen zusammen mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz und arbeiten nach Unternehmensangaben operativ profitabel.
Zahlung für April nicht eingegangen: Galeria zahlt offenbar keine Miete
Tagesspiegel / dpa
BEZUG · A05
Mehrere Vermieter melden ausbleibende April-Mieten; in einzelnen Fällen bittet Galeria um Stundung. Nach dem profitablen Geschäftsjahr wird damit ein konkretes Liquiditätssignal öffentlich.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
Mehrere Vermieter berichten über ausstehende April-Mieten. Für den Standort Berlin Alexanderplatz bestätigt der Vermieter den fehlenden Zahlungseingang.
GALERIA richtet Geschäftsmodell strategisch neu aus – umfassende Finanzierung für Transformation bis 2029 gesichert
GALERIA S.à r.l. & Co. KG
BEZUG · A06
Galeria kündigt eine weitere Transformation bis 2029 an. Filialportfolio, Sortiment, Flächen und Kostenstrukturen werden erneut bearbeitet. Gleichzeitig wird eine besicherte Finanzierung über bis zu 160 Millionen Euro bekanntgegeben.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
Die Transformation umfasst Filialportfolio, Sortiment, Fläche, Personal, Marketing und CRM sowie Kostenstrukturen. Für 2026/27 werden wieder operativ schwarze Zahlen angestrebt.
Galeria prüft Schließungen von 33 Filialen
Tagesschau / dpa
BEZUG · A07
33 der 83 Warenhäuser werden erneut wirtschaftlich geprüft. Mietbelastung und Ertragskraft gehören zu den genannten Kriterien.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
Mit Vermietern der betroffenen Häuser soll über Mietkonditionen und Flächenanpassungen verhandelt werden. Ohne tragfähige Lösungen sind Schließungen möglich.
Insolvenzantrag Galeria
Öffentliche Berichterstattung / Amtsgericht Düsseldorf
BEZUG · A08
Galeria beantragt zum vierten Mal seit 2020 Insolvenz. Die Ursachen des erneuten Antrags sind zum Zeitpunkt der Erstausgabe noch nicht abschließend rekonstruiert.
DOKUMENTINHALT ÖFFNEN
Der Antrag wird am 2. Oktober beim Amtsgericht Düsseldorf gestellt. 83 Filialen und rund 12.000 Beschäftigte sind betroffen.
BEFUND GESCHÄRFT Das vierte Insolvenzverfahren beginnt
Neue Evidenz
Nach dem Insolvenzantrag vom 2. Oktober 2026 hat das Amtsgericht Düsseldorf ein vorläufiges Insolvenzverfahren über Galeria angeordnet. Der Geschäftsbetrieb der 83 Warenhäuser mit rund 12.000 Beschäftigten läuft zunächst weiter. Damit ist aus der angekündigten Prüfung einzelner Standorte ein erneutes gerichtliches Gesamtverfahren geworden – das vierte Insolvenzverfahren der Warenhausgruppe seit 2020.
Auswirkung auf die Rekonstruktion
Die ursprüngliche Rekonstruktion bleibt unverändert. Das Update eröffnet die nächste Phase des Falls: Der bislang jüngste Befund – 83 profitable Häuser, 33 auf dem Prüfstand – muss nun in den Verlauf seit der letzten Sanierung eingeordnet werden. Zu rekonstruieren ist, welche Annahmen der Fortführung von 2024 getragen haben, welche davon nicht eingetreten sind und welche Verpflichtungen im neuen Verfahren erneut zur Disposition stehen.
Auswirkung auf Verdacht / Hypothese
Die erneute Insolvenz stützt den Verdacht einer wiederkehrenden Sanierung, ohne ihn bereits zu bestätigen. Sichtbar wird die Wiederholung des Verfahrens; noch ungeklärt sind ihre Ursachen. Geschäftsmodell, Mietstruktur, Liquiditätssteuerung, Eigentümerfinanzierung und operative Ergebnisse müssen getrennt geprüft werden, bevor aus der vierten Insolvenz auf denselben Wirkmechanismus geschlossen werden kann.

