Der Missbrauch ohne Zahl
Worauf stützt die Koalition die Verschärfung der Krankschreibung, und wie belastbar ist diese Grundlage?
Mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden Krankmeldungen in Deutschland heute vollständiger erfasst als früher. In denselben Zeitraum fällt der Anstieg, über den seit Monaten diskutiert wird. Die Bundesregierung sieht das Problem trotzdem nicht bei der Erfassung. Sie sieht es beim ersten Krankheitstag – und will ihn künftig grundsätzlich ärztlich bescheinigt haben. Die Koalition hat das Anfang Juli beschlossen, ein Gesetzentwurf liegt bisher nicht vor. Gleichzeitig steht die telefonische Krankschreibung erneut zur Diskussion.
Eigentlich wollten wir nur wissen, wie leicht oder schwer eine Krankschreibung künftig sein sollte – eine Debatte, die Deutschland seit Jahren führt. Während der Recherche fiel uns jedoch auf, dass sich nahezu jede Begründung der Reform auf denselben Punkt bezog: den möglichen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung. Also gingen wir genau dort hin. Uns interessierte zunächst eine einfache Frage: Wie belastbar sind diese Hinweise eigentlich?
Krankenkassen, Ärzteverbände und Wissenschaftler nennen andere Ursachen für den Anstieg: psychische Belastungen, Personalmangel, wiederkehrende Infektionswellen. Wir legten den Anfang Juli gefassten Koalitionsbeschluss neben die Stellungnahmen der Kassen und Ärzteverbände. Dabei suchten wir nach Zahlen, die den behaupteten Missbrauch der telefonischen Krankschreibung beziffern. In den von uns ausgewerteten Unterlagen fanden wir keine solche Zahl. Für einen massenhaften Missbrauch der telefonischen Krankschreibung liefert keine dieser Quellen einen belastbaren Beleg. Die politische Debatte dreht sich damit nicht mehr nur um Krankheit selbst, sondern zunehmend um das Verfahren, mit dem Krankheit dokumentiert wird.
Je länger wir die Quellen verglichen, desto merkwürdiger wirkte der Ausgangspunkt der Debatte. Fast alle Beteiligten beschrieben dieselben steigenden Fehlzeiten. Uneinigkeit bestand jedoch darüber, wodurch sie entstanden waren. Trotzdem richtete sich die politische Reaktion erstaunlich früh auf den Weg, auf dem Krankheit dokumentiert wird – nicht auf ihre Ursachen.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen richten sich deshalb nicht unmittelbar gegen die Bedingungen, unter denen Menschen krank werden. Sie verändern zunächst den Weg, auf dem Krankheit festgestellt und nachgewiesen wird. Wer bereits am ersten Krankheitstag persönlich eine Arztpraxis aufsuchen muss, obwohl bislang eine telefonische Krankschreibung ausgereicht hätte, verändert nicht automatisch die Zahl der Erkrankungen. Zunächst verändert sich der organisatorische Prozess, durch den Krankheit sichtbar und legitimiert wird. Kritiker weisen darauf hin, dass Arztpraxen zusätzlich belastet, Infektionsrisiken erhöht und Beschäftigte eher dazu verleitet werden könnten, trotz Erkrankung zur Arbeit zu erscheinen. Ob diese Folgen eintreten, wird sich zeigen. Auffällig bleibt, dass die Maßnahme beim Nachweis der Krankheit ansetzt – nicht bei deren Entstehungsbedingungen. Der Befund bleibt deshalb enger: In den von uns geprüften Unterlagen fanden wir keinen belastbaren Beleg für einen massenhaften Missbrauch der telefonischen Krankschreibung. Gleichzeitig setzt die politische Reaktion genau am Verfahren der Krankschreibung an.
Ob diese Maßnahme Fehlzeiten tatsächlich reduziert, Arztpraxen zusätzlich belastet oder andere Nebenwirkungen erzeugt, ist damit nicht entschieden. Genau das muss die weitere Akte beobachten.
NOMOS · Diagnose
Governance-Sediment
Organisationen reagieren nicht ausschließlich auf Probleme, sondern auf deren organisatorische Sichtbarkeit. Steigt die Sichtbarkeit eines unerwünschten Phänomens, entsteht die Versuchung, zunächst den Melde-, Nachweis- oder Dokumentationsprozess zu verändern. Dadurch kann sich die Kennzahl verändern, ohne dass sich die zugrunde liegende Realität im gleichen Maße verändert. Die eigentliche Diagnose lautet deshalb nicht "zu viele Krankmeldungen", sondern die mögliche Verwechslung zwischen einer veränderten Beobachtung und einer veränderten Wirklichkeit.
Ghost Log
Die Krankheit war nie unsichtbar. Nur ihre Dokumentation wurde vollständiger. Wir suchten den Missbrauch. Gefunden haben wir nur die Lücke, die er hinterlassen hätte, wenn es ihn gäbe.
„Manchmal verschwindet nicht das Problem. Nur der Ort, an dem man es noch sehen konnte."
NEUE EVIDENZ Arbeitsministerin Bas zweifelt an der Attestpflicht ab Tag 1
Neue Evidenz
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) sagt am 29. August den Funke-Zeitungen, ihre Partei habe der Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag im Gegenzug für andere Zusagen zugestimmt, halte sie aber inhaltlich für falsch. Sie sorgt sich, dass aus einem kurzen Ausfall mit Arztbesuch eine ganze Woche Krankschreibung wird. Einen Tag zuvor hatten die Fraktionsspitzen von Union und SPD bei einer Klausurtagung in Münster ein Papier beschlossen, das die Krankschreibung ab dem ersten Tag unter den Reformen aufführt, die bis Jahresende umgesetzt werden sollen (dpa).
Auswirkung auf die Rekonstruktion
Korrigiert: Die Rekonstruktion schrieb, die Regierung wolle den ersten Krankheitstag „ab sofort" ärztlich bescheinigt haben. Tatsächlich ist es ein Koalitionsbeschluss vom Anfang Juli. Ein Gesetzentwurf und ein Datum fehlen. Arbeitgeber können eine Bescheinigung ab dem ersten Tag schon heute verlangen.
Auswirkung auf Verdacht / Hypothese
Verändert den Befund nicht, dass die Maßnahme am Nachweis ansetzt. Neu ist, dass ein Teil der Koalition selbst ihren Nutzen bezweifelt. Beobachten: Ob das Gesetzgebungsverfahren die Pflicht durch Ausnahmen für tarifgebundene Betriebe abschwächt, die Bas anspricht.

