Die FIFA streitet nicht über Fußball
Woran entzündete sich der Widerstand gegen den Verkauf: am Inhalt des Plans oder am Weg dorthin?
Die FIFA wollte einen Teil der kommerziellen Rechte an ihren wichtigsten Wettbewerben für private Investoren öffnen. Geplant war eine neue Gesellschaft mit einem angenommenen Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar, an der externe Kapitalgeber bis zu 20 Prozent erwerben sollten. Die Transaktion hätte der FIFA nach den diskutierten Modellen etwa 4,2 Milliarden US-Dollar einbringen können. Aus Sicht der Organisation ließ sich der Vorschlag zunächst als Finanzierungsfrage lesen: zusätzliches Kapital für den Weltfußball, neue wirtschaftliche Möglichkeiten und mehr Mittel für die nationalen Verbände. Ende Juli 2026 zog die FIFA das Vorhaben nach massiver internationaler Gegenwehr jedoch wieder zurück.
Das folgt einem vertrauten Muster: Eine Organisation stellt einen weitreichenden kommerziellen Plan vor, wichtige Interessengruppen lehnen ihn ab, und die Führung nimmt ihn wieder vom Tisch. Man hätte den Fall deshalb als gescheiterten Versuch erzählen können, den Weltfußball noch stärker für privates Kapital zu öffnen. Doch je genauer wir die Reaktionen nebeneinanderlegten, desto weniger schien der eigentliche Konflikt allein beim Inhalt der Entscheidung zu liegen.
Wir markierten in den Stellungnahmen zunächst alle Passagen, die sich gegen den Verkauf von Anteilen richteten. Erwartet hatten wir vor allem Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs, am Einfluss privater Investoren oder am wirtschaftlichen Wert der Weltmeisterschaft. Solche Einwände fanden wir tatsächlich. Auffälliger war jedoch etwas anderes: UEFA, CONCACAF, nationale Verbände und führende Funktionäre kritisierten wiederholt fehlende Transparenz, mangelnde Konsultation und die Umgehung jener Gremien, die eine Entscheidung dieser Größenordnung eigentlich mittragen sollten. Reuters berichtete zudem, dass selbst hochrangige FIFA-Funktionäre und Berater sich von dem Vorhaben distanzierten oder erklärten, in dessen Entwicklung nicht angemessen einbezogen worden zu sein.
Der eigentliche Beleg lag damit nicht in einem einzelnen Vertrag oder einer einzelnen Zahl. Er lag in der bemerkenswerten Übereinstimmung der Reaktionen. Verschiedene Akteure bewerteten den möglichen Verkauf unterschiedlich, beschrieben aber denselben organisatorischen Bruch: Eine Entscheidung, die den wirtschaftlichen Kern des Weltfußballs berührte, war offenbar so weit vorbereitet worden, dass viele derjenigen, die sie politisch und institutionell tragen sollten, erst sehr spät oder gar nicht daran beteiligt waren. Die FIFA bezeichnete das Vorhaben später als Vorschlag, nicht als Verpflichtung, und erklärte, es werde ohne ausreichende Zustimmung nicht umgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Konflikt jedoch bereits von der Sachfrage gelöst.
Von diesem Punkt an ging es nicht mehr nur darum, ob private Investoren Anteile an einer neuen kommerziellen Gesellschaft erhalten sollten. Es ging um die Frage, wer innerhalb der FIFA überhaupt bestimmen darf, was zur Entscheidung wird. Die formale Rücknahme des Plans beendete den Streit deshalb nicht. UEFA und CONCACAF erklärten vielmehr, das Vertrauen in die Führung verloren zu haben. Mehrere Verbände und Funktionäre stellten Infantinos weitere Unterstützung infrage, während andere Konföderationen und nationale Verbände ihm weiterhin Rückhalt gaben. Aus einem gescheiterten Geschäftsvorhaben wurde innerhalb weniger Tage eine Führungskrise.
Die Übereinstimmung der Kritik beweist allerdings noch nicht, dass die FIFA ihre eigenen Governance-Regeln verletzt hat. Sie belegt zunächst, dass mehrere gewichtige Beteiligte Transparenz und Einbindung als unzureichend beschrieben. Ob die internen Entscheidungswege tatsächlich gegen formale Regeln verstießen, lässt sich daraus nicht ableiten.
Ende September verlagerte sich der Streit folgerichtig auf genau diese Frage. UEFA versucht in den USA Dokumente und Aussagen für eine geplante Beschwerde in der Schweiz zu erhalten; FIFA weist die Vorwürfe zurück und erklärt, das Projekt habe unter der Autorisierung und Aufsicht ihrer Führungsgremien gestanden.
Damit haben wir zwei gegensätzliche Darstellungen – noch keinen geklärten Entscheidungsweg.
Der Verkaufsplan ist weg. Die Akte über seine Entstehung bleibt offen.
NOMOS · Diagnose
Verfahrensentzug (Research Candidate)
Verfahrensentzug entsteht, wenn eine Organisation zwar weiterhin formale Zustimmung einholt oder benötigt, die tatsächliche Gestaltung einer Entscheidung jedoch so weit vorverlagert wird, dass relevante Beteiligte den Entscheidungsraum nicht mehr wirksam mitgestalten können. Das Ergebnis kann formal offen bleiben, während das Verfahren aus Sicht der Beteiligten bereits geschlossen erscheint. Der Konflikt richtet sich dann nicht mehr nur gegen die Entscheidung selbst, sondern gegen die Führung, die den Weg zu ihr kontrolliert hat.
Der FIFA-Fall deutet darauf hin, dass Legitimität nicht allein aus Zuständigkeit oder Mehrheiten entsteht. Sie hängt auch davon ab, ob Beteiligte ihre Rolle im Entscheidungsprozess als real erleben. Wird diese Mitwirkung entzogen, kann selbst die Rücknahme einer Entscheidung das verlorene Vertrauen nicht automatisch wiederherstellen.
Ghost Log
Wir suchten zunächst nach dem umstrittenen Geschäft. Gefunden haben wir eine Organisation, die nach dem Rückzug des Geschäfts weiterstritt. Offenbar lag das Problem nicht nur in der Entscheidung. Es lag in der Erfahrung, dass einige sie erst bemerkten, als sie beinahe schon getroffen war.
„Man kann eine Entscheidung zurücknehmen. Den Weg, auf dem sie entstanden ist, nicht.“
NEUE EVIDENZ Streit um FFE verlagert sich auf Entscheidungswege und Dokumente
Neue Evidenz
Reuters berichtet, dass UEFA bei einem US-Bundesgericht Dokumente und Aussagen zum aufgegebenen FIFA-Forward-Enterprise-Projekt beantragt hat, um eine geplante Beschwerde in der Schweiz zu unterstützen. FIFA weist die Vorwürfe zurück und erklärt, das Projekt habe der Autorisierung und Aufsicht seiner Führungsgremien unterlegen.
Auswirkung auf die Rekonstruktion
Nach dem Abbruch des Vorhabens wird nun gerade der interne Entscheidungsweg zum Gegenstand einer externen Auseinandersetzung. Damit entstehen potenziell neue Primärdokumente zur Frage, wie FFE entwickelt und freigegeben wurde.
Auswirkung auf Verdacht / Hypothese
Noch offen. Die gegensätzlichen Darstellungen von UEFA und FIFA sind keine geklärte Evidenz über den tatsächlichen Entscheidungsweg. Relevant werden die zugrunde liegenden Dokumente und gegebenenfalls eine unabhängige Überprüfung.

